Paar vor der Geburt




















Baby mit Mama Baby an der Brust Baby schlafend Baby mit Papa





















Baby saugt am Finger

ERLEBNISBERICHT



MEINE HAUSGEBURT

Ich wusste schon immer, dass ich mein Kind zu Hause bekommen wollte. Das lag zum größten Teil an eigener Erfahrung, die ich als Säugling in einer Klinik machte, teils auch an einer Klinikgeburt, der ich selbst einmal beiwohnen durfte. Die unpersönliche Betreuung, der sterile Empfang und das Wegnehmen des Neugeborenen von der Mutter, die Auffassung der Schulmedizin, dass eine Geburt nur mit klinischer Hilfe zu bewältigen sei, dass eine Schwangere eine "Kranke" sei, dieser Kontrollzwang... das alles war mir zutiefst zuwider. So traf ich schon sehr früh Vorbereitungen, belas mich ausführlich und suchte mir eine Hebamme, bei der ich das uneingeschränkte Gefühl der absoluten Sympathie hatte und fühlte, dass ich in ihrer Gegenwart loslassen könnte.

Ich wartete schon lange auf die Geburt und hatte schon seit Wochen leichte Vorwehen, ohne dass wirklich etwas passierte. Aber am Abend des Geschehens wusste ich, dass es losging, dass jetzt nichts mehr im Wege stand! Wir hatten alles, was vorher noch anstand, getan. Ein Ritual mit zwei schamanisch praktizierenden Frauen, meiner Hebamme und zwei befreundeten Müttern war am Dienstag, das war mir wichtig. Die Geburt war dann am folgenden Sonntag - Sonntags kommen viele Kinder, wusste ich.

Der Schleimpfropf hatte sich mittags verheißungsvoll mit einem "Blubb" ins Klo gelöst, nachdem wir nochmal Sex hatten. Und ich hatte nachmittags Wehen, zum ersten Mal quer über den Bauch, die sich dann als merkwürdiges Ziehen am Abend fortsetzten. Vor dem Abend hatte ich einen blutigen Schleimabgang, und da wurde mir alles klar: Da war nun der Moment! Unwiderruflich! Oh Gott! Am liebsten hätte ich mich gedrückt, hatte Angst, war aber auch gespannt! Dann bekam ich Durchfall, wie zu Prüfungen oder ähnlichen Anlässen auch immer. Und mir wurde so kalt, wie nie zuvor, sodass ich erstmal in die Wanne stieg (um ca. 23 Uhr), und sofort zog und ziepte es rhythmisch. Andreas wuselte emsig umher und bereitete die Räume vor und erledigte, was Anne ihm auftrug. Aber das war schon alles irgendwie ausgeblendet. Ich wechselte Wanne, Klo, Wanne, Klo, Wanne und zitterte vor Kälte und vor Angst und vor Schmerzen. Es war vielleicht 24 Uhr, als es richtig losging, d.h. richtig starke, regelmäßige Wehen waren da. Wenn das so weitergeht, ohne Pause, halte ich das nicht durch, dachte ich. Innerhalb von drei Minuten kamen Wehen und ich konnte mich nur krümmen.

Angst, Angst und Beine zusammen, ich will nicht - bis zu dem Moment, an dem ich mich entschied, mitzumachen. Die Wanne war zu klein, ich konnte in ihr keine Kraft holen und das Wasser wurde kalt, wir gossen schon aus dem Wasserkocher nach, da aus der Leitung nachts kein heißes Wasser mehr kam. So sind wir dann alle ins Geburtszimmer gegangen und ich habe mich ins Tuch gehängt. Richtig nachfühlen kann ich es jetzt nicht mehr, ich habe vielmehr nur noch eine Ahnung davon, aber die gewaltigen Bilder sind noch da.

Ich war schon richtig offen, wund, alles brannte und immer noch musste ich ständig kacken und blutete. Anne hatte zu tun, was genau, weiß ich nicht mehr. Und sie atmete mit mir mit, redete mir gut zu, war da, das tat richtig gut. Sie gab mir Sicherheit, um mich fallen lassen zu können. Ich hing im Tuch und wusste, alles ist richtig so. Ich ging mit der Kraft, die ich und mein Kind nach unten zog und mich so wahnsinnig weitete. In den Wehenpausen kreiste ich das Becken, entspannte mich. So hatte ich noch nie die Schwerkraft und das Kind in mir gespürt! Ich sang das Lied, das wir während des Rituals mit Schamaninnen gemeinsam gesungen hatten. Ein beglückendes Gefühl war das, anspornend. Es verband mich bewusst mit der weiblichen Urquelle, der weiblichen Kraft, es war nicht mehr nur meine. Eine Einweihung!

Ich fragte, ob ich schon pressen dürfe... so also fühlt sich das an, was wir zuvor endlos in der Theorie beredeten... - wie jetzt schon pressen? So schnell? Ja, es war nicht mehr zurückzuhalten, ein so starker Drang, dem ich folgen musste. Urgewalten! Ich bin dann der Erde noch näher gekommen, raus aus dem Tuch, auf die Matratze in den Vierfüßlerstand. Ich legte mich über einen Pedsiball, den ich mit aller Kraft gegen die Wand pressen konnte. Ich hielt nichts mehr zurück, presste, atmete, stöhnte und presste. Wie kraftvoll, wie wundervoll war es, den kleinen Kindskopf zu spüren!

Ich erinnerte mich seltsamerweise währenddessen an den Ausspruch meiner Freundin, die sagte, "Gebären macht süchtig!". In diesem Moment jedoch verlockte mich der Schmerz gar nicht zu einer Wiederholung! Heute, wo der Schmerz vergessen ist, verstehe ich den Ausspruch wiederum völlig! Ja, und dann kam auch schon der Kopf! Andreas brachte die Kaffeebrühe - ich hatte das Gefühl, dass Andreas nur am Rumlaufen war - die Anne mir dann als Kompresse auf den Damm hielt. Schwups, war der Kleine da! Wie, habe ich was verpasst? So schnell? (Es war 2:27 Uhr.) Das tat ja gar nicht mehr weh! Es flutschte nur so! Ich brauchte mich nur zurücksetzen und da konnte ich mein Kind ganz blau und mit geschlossenen Augen, ein wenig verknautscht, nicht gerade glücklich liegen sehen. Es hatte die Nabelschnur fest um seine Hand gewickelt, als wenn es sich an den letzten Rest Sicherheit klammerte, der ihm noch blieb und deren Ende irgendwo in mir endete. So ein fertiger Mensch kam aus mir raus, unfassbar! Sehr vorsichtig nahm ich Lucius auf und legte ihn mir auf den Bauch und ich (wir?) zitterten dann vor Kälte. Ich hatte richtige Schüttelanfälle, weswegen ich den Moment nicht so genießen konnte, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Aber nicht vorstellbar, was der Kleine da gerade geleistet hatte! Lucius brauchte auch eine Weile, um sich ans Atmen zu gewöhnen. (Nicht auszumalen, wie in der Klinik interveniert worden wäre!) Ganz sanft ließ Anne ihn bei uns ankommen und die Nabelschnur ganz auspulsieren, das restliche Fruchtwasser wurde aus der Nase gesaugt. Wir sangen ihm sein Willkommenslied, das er aus dem Bauch schon kannte und erst dann presste ich noch ganz leicht die Plazenta hinterher. Moment, nein, erst wurde Lucius angelegt und wie ganz selbstverständlich trank er erste Schlucke der Vormilch.

Vertrauen, Liebe, Geborgenheit, Glückseeligkeit, Zärtlichkeit sind nur Worte, um den wohl großartigsten Moment im Leben einer Frau zu beschreiben. An das Durchtrennen der Nabelschnur und das Folgende, wie Vermessen und Wiegen kann ich mich kaum noch erinnern, weiß aber, dass sich alles ganz sanft und in gedämpftem Licht abspielte, bis wir dann alle früh morgens und ganz erschöpft ins Bett fielen, in dem wir aber noch lange keinen Schlaf finden konnten.

Jetzt liegt nun das fast doppelt so große Kind neben mir und schläft ganz friedlich und es ist so, als wenn Lucius schon immer bei uns wäre. Es gibt nichts anstrengenderes und nicht befriedigenderes! Ich bin auch neu geboren worden, habe nicht nur ihn, sondern auch mich neu auf die Welt gebracht. Ich kann das Leben als Mysterium sehen, weil ich an seine Pforte geschaut habe. Ich wünsche mir, diese Wachheit nicht so schnell im Alltagsgewusel wieder zu verlieren.

Anmerkung:

Die Aufzeichnungen habe ich zweieinhalb Monate nach der Geburt gemacht. Sicherlich wären sie anders geworden, wäre ich im Wochenbett dazu gekommen, zu schreiben, nur - wer schafft das schon?!